Erfahrungen und Einblicke in das Leben und Studieren in Utrecht

Zingende Duitsers

Letztes Wochenende musste ich mich wieder einmal von meinen niederländischen Freunden über eine „typisch deutsche“ (Un-)Sitte aufklären lassen. Die Diskussion entstand, als mein Freund und ich am Freitagabend an einer Gruppe Studentinnen vorbeiradelten, die an einer Ecke standen und aus vollem Halse ein Liedchen schmetterten. Weiter nicht so verwunderlich – an einem Freitagabend, zu vorgerückter Stunde. Fand ich jedenfalls.

Mein Freund sah das offenbar anders denn er drehte sich noch das ums andere Mal interessiert zu den Mädels um. Mein erster Verdacht für sein übermäßiges Interesse waren natürlich die knappen Miniröckchen und die nicht unansehnliche Beine die darin steckten. „Guck da nicht so hin!“ Doch es schien ihm gar nicht (so sehr) um den Anblick zu gehen, sondern eher um die Geräuschkulisse.
Er: „Was in aller Welt machen die da?“ Ich: „Die haben wahrscheinlich schon gut einen im Tee und unterbrechen ihren Weg zur nächsten Party halt eben mit einer kleinen Gesangseinlage. Ist doch ganz normal.“ Wie oft hatten meine Freunde und ich früher nicht Passanten oder – schlimmer noch – bedauerliche andere Bus- und Bahnfahrer ungefragt mit unseren Gesängen beglückt?  Mein Freund konnte darüber nur den Kopf schütteln. Was übrigens nicht heißt, dass angeschotene (angeschossene = leicht beschwipste) Niederländer nicht singen! Es gibt da nur scheinbar einen kleinen aber feinen Unterschied zwischen zingende Duitsers und zingende Nederlanders.

Dieser Unterschied wurde mir auf der Party, auf der wir inzwischen angekommen waren, dann ausgiebig erläutert. Eine Freundin erklärte: „Dieser Drang zu Singen, sobald man ein bisschen angeschossen ist, ist echt typisch Deutsch.“ Das stritt ich zunächst ab. Denn auch in den Niederlanden hatte ich schließlich schon diverse ausgelassene Karaoke-Abende miterlebt und das Phänomen eines biercantus (ein Abend voll Gesang, Bier, komischen Regeln und noch mehr Bier) habe ich überhaupt erst hier kennengelernt. Auch auf Partys meiner Studentenverbindung wurde zu vorgerückter Stunde kräftig mitgeschmettert. „Ja auf Partys und so, da ist das ja auch normal“, musste ich mir daraufhin erklären lassen. „Aber doch nicht einfach so auf der Straße. Das machen nur Deutsche.“

Ganz überzeugt war ich noch nicht. Ich konnte mich schließlich noch gut daran erinnern, dass ich auch in Utrecht auf dem nächtlichen Nachhauseweg schon mal das ein oder andere Liedchen angestimmt hatte. Und das ganz bestimmt nicht alleine. Doch… Moment, wen hatte ich damals nochmal auf meinem Gepäckträger sitzen? Richtig, das war eine meiner besten Freundinnen – aus Deutschland. Sollte an der Theorie der singenden Deutschen etwa doch etwas dran sein? Ich habe immer so meine Zweifel an solchen Verallgemeinerungen. Doch meine eigenen Erfahrungen schienen die Theorie meiner Freundin irgendwie zu bestätigen – auch wenn mir das Phänomen bisher noch nie so aufgefallen war. Tja, auch nach sechs Jahren in den Niederlanden kann man also immer noch mal etwas über seine Wahlheimat  – und nicht zuletzt auch über de Duitsers lernen!